Der erste Tag des Dampflokabschiedsfest im Bw Stolberg – Samstag, 03. April 1976

Die erste Hälfte der 1970er Jahre war eine bunte und optimistische Zeit, die auch im persönlichen Umfeld der Menschen viele positive Veränderungen mit sich brachte. Gleichzeitig galt es aber häufig auch, von Altvertrautem Abschied zu nehmen. Typisch für diese Zeit war das Aufkommen der „Nostalgiewelle“ und der Wunsch, Erinnerungsstücke „von früher“ zu bewahren. Auch der Abschied von der Dampflok stellte solch einen Abschied von Altvertrautem dar. So passte das Dampflokabschiedsfest als Ausdruck des Bemühens, verwurzelte oder traditionsreiche Dinge nicht sang- und klanglos verschwinden zu lassen, in das kollektive Empfinden jener Jahre.

 

Das Dampflokabschiedsfest beim BwStolberg war im Kern als Volksfest angelegt, auf dem man die Dampfloks zum Abschied noch einmal „hautnah“ erleben konnte. Die angebotenen preiswerten Sonderzugfahrten, die Möglichkeit zu Führerstandsmitfahrten und die zum Anfassen freigegebenen Loks trugen wesentlich zum großen Erfolg dieses Konzeptes bei. Gerade auch die emotionale Begegnung mit der Dampflok, die Wahrnehmung ihrer Geräusche und Gerüche, das Erlebnis des Aufenthalts auf einem Führerstand oder auch das Gefühl, beim Besteigen der Loks von ihnen in gewisser Weise Besitz ergriffen zu haben – diese Eindrücke und Erinnerungen sind es, die das Stolberger Dampflokabschiedsfest bei vielen Menschen in ihren Erinnerungen nachhaltig verankert haben.

Für die Besucher des Dampflokabschiedsfestes gab es dieses Informationsblatt mit allen wichtigen Informationen zum Programm und den Fahrplänen für die öffentlichen Sonderfahrten.

Im Jahre 1976 hatte man samstags noch Schulunterricht. Mein Tag beim Dampflokabschiedsfest begann deshalb erst am Mittag.

Ich startete den Tag mit einem Besuch des Betriebswerkes. Auf dem Gelände des Bahnbetriebswerks herrschte allerdings schon seit kurz nach der Eröffnung riesiger Andrang. Alle verfügbaren Parkplätze waren restlos belegt und entlang der umliegenden Straßen waren die Straßenränder über hunderte Meter weit zugeparkt.

Als Blickfang wurden den Besuchern am Eingang Münsterbachstraße die gemeinhin schönste deutsche Dampflok zusammen mit dem exklusive Rheingold – Zug präsentiert. Dieses Motiv mit der 18 505 ist ein Klassiker unter den Fotos vom Dampflokabschiedsfest und wurde auch einmal als Poster aufgelegt.

Vor lauter Menschenmassen konnte man auf dem Bw-Gelände die ausgestellten Loks kaum noch in ihrer ganzen Pracht fotografieren. konnte. Dennoch – auch diese Situation soll hier mit 3 Panoramafotos noch einmal gezeigt werden.

Im Gelände gab es  Stellen, an denen etwas weniger Betrieb war. Hier eine Szene aus dem Randbereich, hinter der Lokleitung, wo sich die BLE 146 und 050 164 begegneten. Während die BLE 146 zu einem Einsatz vor dem Pendelzug nach Weisweiler aufbricht, war 050 164 mit Führerstandsmitfahrten ausgelastet.

Ich versuchte es mit Streckenfotos. Das erste Foto sollte einem der Pendelzüge nach Weisweiler gelten, den ich an der Indebrücke beim ehemaligen Hp. Eschweiler-Röhe aufnahm. Zu meiner Enttäuschung war aber auch dort die Gegend schon gut besetzt, und die Walsum 5 stand hier rückwärts am Zug

Wegen des regen Besucherandrang sah ich kaum Chancen für gute Fotos. Deshalb begab ich mich zum Bahnhofsgebäude des Stolberger Hauptbahnhofs, um von dort aus mit einem Pendelzug nach Aachen oder Weisweiler zu fahren. Schließlich hatte ich noch nie die Gelegenheit gehabt, mit einem dampfgeführten Reisezug die Bahnstrecken rund um Stolberg zu bereisen.

Da der nächste erreichbare Pendelzug nach Weisweiler schon unmittelbar nach seiner Ankunft wieder blitzartig besetzt war, entschied ich mich für einen der mit je einer Lok der BR 50 an beiden Seiten bespannten Züge nach Aachen Hbf.


Dampflok-Feeling bei der Ausfahrt aus dem Stolberger Hauptbahnhof


050 761 fädelte sich mit ihrem Pendelzug aus dem Stolberger Hauptbahnhof hinaus auf die Hauptstrecke nach Aachen. Anschließend geht es mehrere Kilometer schnurgeradeaus und die 50er konnten volles Tempo fahren. Was die junge Dame hier aus dem Fenster hält, ist die Fahrkarte für den Sonderzug….


Die Vorderseite der Sonderzugfahrkarte


Die Rückseite der Sonderzugfahrkarte


050 651 räucherte noch ein letztes Mal die Halle das Aachener Hauptbahnhofs ein. Zusammen mit dem Gegenlicht ergab sich eine eigenartige, urige Atmosphäre


Natürlich war die Dampflok ein Publikumsmagnet – 1976 genauso wie heute….


vertraut und doch einzigartig – Einfahrt in den Stolberger Hauptbahnhof, diesmal aber als Fahrgast in einem Dampfzug. Damals war man stolz und glücklich, d a s noch einmal erlebt zu haben.

 

Nach der Rückkehr nach Stolberg schaute ich wieder beim Betriebswerk vorbei. Das Licht wäre zu dieser Zeit gut gewesen. Vielleicht wäre auch weniger Publikumsandrang….

Aber Punkt 17 Uhr forderte die Bahnpolizei die Besucher zum Verlassen des Betriebswerkes auf und räumte das Gelände. Die Bahnpolizisten hatten einige Mühe, die Menschenmassen zum Ausgang zu dirigieren. In dem von der Abendsonne goldgelb beleuchteten menschenleeren Bereich um die Drehscheibe herum durften später ausgewählte Fotografen die ausgestellten Fahrzeuge exklusiv fotografieren. Bei dieser Gelegenheit entstanden viele markante Aufnahmen, die man später auf Eisenbahnkalendern oder Postkarten wiederfand.


Beim zögerlichen Verlassen des Bw-Geländes gelang mir noch diese Aufnahme der 56 3007.


Ein Notschuss beim Verlassen des Bw-Geländes war auch diese Aufnahme der Wedauer 053 075

 

Da u.a. noch ein Pendelzug nach Aachen Hbf verkehrte, begab ich mich in die Umgebung der Blockstelle Nirm. Die dortige Straßenbrücke war wieder von einer großen Zahl Fotografen dicht belagert, die alle den letzten nach Aachen Hbf fahrenden Dampfzug dieses Tages aufnehmen wollten. Ersatzweise schlug ich mich in Richtung des Ostportals des Nirmer Tunnels durch, wo es noch einen freien und vom Licht her halbwegs passablen Fotostandpunkt gab.


Mit Volldampf in die Dämmerung – die Zuglok des letzten Pendelzuges nach Aachen ….


… und die nachschiebende 50er mit verwehender Dampffahne

 

Nach der Durchfahrt des letzten Zuges kehrte ich zur Straßenbrücke zurück, die jetzt wie leergefegt war. Den nach Stolberg zurückkehrenden Leerzug wollte offenbar keiner mehr an dieser Stelle im Bild festhalten. Da diese Straßenbrücke für mich aber einerseits ein auf diversen Fahrradtouren immer wieder gerne aufgesuchter Ort war, andererseits von dort aber noch kein einziges Dampflokfoto in meiner Sammlung war, beschloss ich, den letzten von Aachen nach Stolberg fahrenden Dampfzug dieses Tages genau hier im Bild festzuhalten. So entstand diese kleine Fotoreihe:

 

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