Dampfloks zwischen Fabriken, Halden und Arbeitersiedlungen (1973 bis 1975)

….. ein Thema, dass man in den 1970er Jahren in Deutschland noch an vielen Stellen umsetzen konnte. Auch Stolberg hatte da so seine „Ecken“, die mancher Fotograf verschmäht hätte. Für manchen Stolberger sind sie dagegen ein Stück Heimat, das einfach dazugehört. Einiges von den Gefühlen, die ein bekannter Sänger gegenüber der Stadt Bochum beschrieben hat, werden sicherlich einige Stolberger für ihre Stadt ähnlich empfinden. Und aus dieser Sicht entwickeln manche Perspektiven ihren eigenen unverwechselbaren Charme. Stolberger Dampfloks im Flair des ungeschminkten Alltags der frühen 1970er Jahre …….

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Ausfahrt nach Münsterbusch – am 14. März 1975 donnert die Ur-Stolberger Dampflok 052 692 am Fotografen vorbei über den Bahnübergang Propsteistraße. Kein Vorstadtviertel mit gepflegten Einfamilienhäusern – aber  hier gab es diesen unvergesslichen Soundmix von bimmelnden Bahnschranken, vorbeiklappernden Lastautos und ratternden Dampfloks

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Zwischen die große Spiegelglashütte und das Flüßchen Inde hat man nicht nur die Eisenbahn eingequetscht, sondern auch noch die Arbeitersiedlung am Schnorrenfeld eingezwängt. Als 050 806  dort am 10. Januar 1975 rasant durch den engsten Gleisbogen der Stolberger Talbahn in Richtung Stolberg-Hammer ballert, wird in so manchen Schränken das Geschirr wieder einmal geklappert haben.

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Etwa hundert Meter weiter trennt sich die zweigleisige Strecke.  051 565 räuchert am 02. September 1974 mit ihrem Güterzug zum Bahnhof Stolberg-Hammer die Fassaden wieder einen Tick dunkler. Links von der Dampflok zweigt das Streckengleis zum Güterbahnhof Münsterbusch ab.

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Hinter der Werkssiedlung an der Straße „Schneidmühle“, quasi am Gartenzaun entlang, verlief die Strecke zum Güterbahnhof Münsterbusch. Von dort ist am 19. Juni 1974 die Lok 051 302 mit ihren E-Wagen hergekommen, die vor dem Bahnübergang Eisenbahnstraße anhalten musste, um diese Straße mit einer ortsbedienten Schranke zu sichern. Nach der Überquerung des Bahnübergangs würde die Lok dort stehen, wo man auf Bild 3 das Gleis der Münsterbuscher Strecke sieht. Unmittelbar neben dem Gleis verläuft einer dieser Malocherpfade, die auf unkomplizierte Weise Fabriken und Wohnquartiere verbanden.

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Im Sommer 1973 rollt eine 50er mit dem Güterzug von Münsterbusch nach Stolberg Hbf. Rechts im Hintergrund prägt die Halde der ehemaligen Fabrik „Kali-Chemie“, die bis heute die größte Altlast in der Region Aachen geblieben ist, das Ortsbild. Unmittelbar hinter dem Zug erstrecken sich stillgelegte Schleifsandpolder der Vereinigten Glaswerke, die von der Natur zurückerobert werden. Für die in der Nachbarschaft wohnende Jugend war das der Ort, wo man die erste Zigarette rauchte, den ersten Kuss erlebte oder ohne Führerschein Moped fahren konnte.

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Eingerahmt von Werkswohnungen, sozialem Wohnungsbau und Schornsteinen dampft 052 549 am 01. Juli 1974 zwischen Atsch und Kohlbusch bergauf nach Münsterbusch.

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Im Dunstkreis der Vereinigten Glaswerke und der Zinkblech verarbeiteten Firma „Kraus, Walchenbach und Peltzer“ rattert 052 692 am 24. Mai 1974 zwischen der Eisenbahnstraße und dem Flüßchen „Vicht“ nach Stolberg-Hammer

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Züge, die über die Vennbahn nach Stolberg gelangen, müssen im Bereich Binsfeldhammer zunächst den nur provisorisch befahrbar gemachten, am Ende des Zweiten Weltkriegs gesprengten Viadukt über das Rüst-Tal passieren, um anschließend zwischen Steinbrüchen, Halden und einer Bleihütte in das Stolberger Tal einzuschwenken. Am 02. September 1974 habe ich dabei 050 806 mit ihrem Güterzug aus Walheim auf dem Rüst-Viadukt aufgenommen.

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Der Nachschuss zeigt diese Stelle aus einem etwas anderen Blickwinkel. Hier könnte als verschärfte Bildbeschreibung auch „Dampflok in kaputter Umgebung“ stehen. Während in den Steinbrüchen rechts der Strecke ganz Berge abgetragen wurden und verschwanden, schüttete Menschenhand links vom Gleis neue Berge auf. Und selbst der Rüst-Viadukt zeigt aus dieser Perspektive deutlicher seine gesprengten Steinbögen und die behelfsmäßige Überbrückung. 050 806 ist mit ihrem Güterzug aus Walheim dem Bahnhof Stolberg-Hammer nur ein kleines Stückchen näher gekommen (2. September 1974).

Bild 10

Vom Stellwerk „Sm“ des Stolberger Hauptbahnhofs geht der Blick nach Süden. Gerne gehen die Gedanken bei dem Wort Süden in Richtung Sonne, Urlaub und Wärme. Für die Eisenbahner auf diesem Stellwerk verband sich damit auch das Bild von schmuddeligen Industrieanlagen und Schornsteinen, durchschnitten von den einmündenden Strecken aus Raeren und Münsterbusch. Am 04. Mai 1974 rollt 050 622 dumpf grollend mit einem belgischen Militärtransport in den Stolberger Hauptbahnhof ein.

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Die drei Damen wären sicherlich lieber durch eine nette Einkaufsstraße flaniert. Ihr Alltag spielte sich aber in anderer Umgebung ab. Tapfer bahnen sie sich ihren Weg entlang des Werksgeländes der „Aktienspinnerei Aachen“ zu den Häusern des Ortsteils „Kohlbusch“ und lassen sich auch von der mächtigen Dampflok nicht verschrecken (aufgenommen am 8. Januar 1974 unter Mitwirkung der Lok 052 692).

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Etwa 400 m weiter südlich: In solcher Kulisse würde man eher Werksbahnloks vermuten. Doch das Bw Stolberg schickte seine Loks auch in diese Haldenlandschaft. Am 12. Februar 1974 bediente 051 791 ein Anschlussgleis am Rand der Schlackenhalde der ehemaligen Zinkhütte in Münsterbusch. 1974 war der Bahnkunde allerdings nicht mehr die „Heinrichshütte“, sondern eine Schrottverwertungsfirma.

Bild 13

Unterwegs zum Güterbahnhof Münsterbusch…..  Zur Linderung der Wohnungsnot wurden wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg in großen Zahlen schlichte Wohnhäuser wie diese gebaut. Für viele Ausgebombte, Heimatvertriebene oder DDR-Flüchtlinge begann die Normalisierung der Lebensverhältnisse mit einer eigenen Wohnung in solchen Siedlungen. Wohnen, Arbeit und Verkehr lagen vielfach noch dicht beieinander. Das weithin hörbare Stampfen des bergwärts dampfenden Güterzuges gehörte ebenso wie die Werkssirene bei Schichtwechsel zum Wohnumfeld dazu. Als ich dieses Foto im Oktober 1974 aufnahm, war der Glanz der Wirtschaftswunderjahre indes schon verblasst. Wie die schlichten Wohnungen genügte auch die Dampflok nicht mehr den Ansprüchen der Menschen in den 70er Jahren.

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Anfang der 1970er Jahre war die Fahrzeugdichte noch nicht so hoch. Doch mancher „kleine Mann“ träumte nicht nur vom eigenen Auto, sondern gar vom eigenen Mercedes. Auch wenn es am Ende nur für eine alte Karre gelangt hatte, parkte man nicht mehr neben einem Käfer……. Am 11. September 1974 passierte 052 549 mit ihrem Güterzug nach Münsterbusch diese Szene an der Siegwartstraße.

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1975 wurde die Strecke Stolberg Hbf – Münsterbusch nur noch von einem Zugpaar befahren – und die Zugfahrten waren für die auf der Straße spielenden Kinder häufig Anlass, ihr Spiel zu unterbrechen und dem Ereignis beizuwohnen. Am 9. April 1975 rollt 051 729 mit ihrem Güterzug von Münsterbusch wieder talwärts nach Stolberg Hbf. Weil der Bahnübergang Spinnereistraße nur mit Postensicherung überquert werden durfte, hatte der Lokführer den Zug angehalten und den Rangierer mit der rotweißen Fahne aussteigen lassen. Eigentlich hätte er anschließend nur die Bremse lösen müssen, und seine Fuhre wäre über den Bahnübergang hinweggerollt. Aber der Lokführer machte sich einen Spass daraus, die am Bahnübergang  wartenden Kinder mit einer furiosen Anfahrt zu beeindrucken. Sie werden sich bestimmt heute noch an solche Momente erinnern……..

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Beim Bahnübergang Eisenbahnstraße passiert die Stolberger Talbahn die Stolberger Metallwerke von Asten, Lynen und Schleicher, die als die älteste Messingfabrik der Welt gelten. Als man den Lohn noch bar auszahlte und zu Fuß zur Arbeit ging, waren solche Fabriken oftmals von mehreren Kneipen umgeben. Hier ist das Wirtshaus sogar unmittelbar an die Fabrikhalle angebaut. Als 051 302 mit einem Güterzug von Stolberg-Hammer nach Stolberg Hbf am verregneten 24. Mai 1974 an dieser Szenerie vorbeirollte, war das aber bereits ein Relikt aus vergangenen Zeiten.

Bild 17

Auch dieses Bild ist am Bahnübergang Eisenbahnstraße entstanden. Jenseits der Messingfabrik besitzt die Fabrikantenfamilie Schleicher einen privaten Park, der vollständig mit einer hohen Bruchsteinmauer umgeben ist. Die Eingänge sind mit burgähnlichen Toranlagen gesichert. Dank des Hinweises des Schrankenwärters war ich am 2. Dezember 1975 zur Stelle, als 050 185 mit einem Bauzug den Parkeingang am Kohlbuschweg passiert. Da das Bw Stolberg seinen planmäßigen Dampflokeinsatz bereits Ende September 1975 beendet hatte, gehört dieses Foto zu meinen letzten Betriebsaufnahmen von Stolberger Dampfloks.

Bild 18

Keine Regel ohne Ausnahme! Deshalb darf auch eine Diesellok in diesem Beitrag vertreten sein. Immerhin ist es eine Stangenlok der bewährten Baureihe V 60, die diese Bahnlandschaft belebt. Das Bild zeigt den Ausblick, den die Eisenbahner auf dem Stellwerk „Sb“ der Stolberger Hauptbahnhofs hatten, wenn sie in südöstliche Richtung schauten. Der Drahtverhau im Vordergrund gehörte zur östlichen Ausfahrt des Rangierbezirks V, in der Mitte die Gleise 99 bis 101 für Züge nach Herzogenrath und dahinter die sog. „Verbindungsbahn“ zwischen den Rangierbezirken VI und V, auf der am 2. April 1974 die V 60 gerade unterwegs war.

Bild 19

Dort wo dieser Beitrag begann, soll er auch seinen Abschluss finden – an der Einmündung der beiden Strecken von Stolberg-Hammer und Münsterbusch in den Stolberger Hauptbahnhof.
Wer mit dem Zug am Stolberger Hauptbahnhof ankam und in die Stadt wollte, der hatte beim Verlassen des Bahnhofs diesen Anblick vor Augen – meist allerdings ohne Dampflok. Hier überquerte die erwähnte „Verbindungsbahn“  die Zufahrt zum Stolberger Hauptbahnhof. Aus den Anlagen der einstigen Steinkohlengrube „Propstei“ hatte sich später die linkerhand abgebildete „Fabrik feuerfeste Produkte Peters“ entwickelt, die Schamottesteine zur Ausmauerung von Feuerungsanlagen und ähnliches herstellte. Am Nachmittag des 28. August 1975 polterte 051 494 mit einem langen Güterzug über die schmucklose Stahlträgerbrücke.
Bis heute ist zwischen den stillgelegten Fabrikgebäuden der ehemalige Malakoffturm des Bergwerks erhalten geblieben.

Heute ist es in Stolberg vielerorts sauberer und grüner geworden. Dennoch – wer genau hinschaut, findet hier immer noch diese Orte mit dem gewissen morbiden Charme.

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