Der dampfgebügelte Büstenhalter – Lausbubengeschichten vom Schienenstrang

Die Spielwelt der Kinder aus den 60er und den frühen 70er Jahren ist nicht mehr mit derjenigen von Kindern und pubertierenden Jugendlichen von heute zu vergleichen.  Die Erzählungen muten deshalb schon wie Geschehnisse aus einer anderen Welt an. Heutzutage würden die beschriebenen Ereignisse wohl als schwerer Eingriff in den Schienenverkehr gewertet und hätten erhebliche strafrechtliche Konsequenzen. Und zur Nachahmung sind sie natürlich nicht empfohlen! – waren sie seinerzeit übrigens auch schon nicht 😉
Aber nach 30 Jahren sind die meisten Schandtaten wohl verjährt.

Zudem ist die Eisenbahn von heute auch gefährlicher geworden. Waren die lauten Dampfloks schon von weitem zu hören, so sind die heutigen Lokomotiven und Triebwagen erheblich leiser und vor allem auch wesentlich schneller. Gleichzeitig sind die Menschen heute stärker abgelenkt. Mit dem Kopfhörer von MP3-Player oder Handy im Ohr ist ein herannahender Zug schließlich kaum noch wahrzunehmen. Außerdem ist heute leider auch das Bewusstsein für die Gefahren des Bahnbetriebs längst nicht mehr so ausgeprägt wie vor 30 Jahren, weil sich die Eisenbahn aus vielen Gebieten zurückgezogen hat und damit aus dem Blickfeld der Menschen verschwunden ist.

Diese Geschichten spielten sich an der Bahnstrecke Stolberg Hbf – Münsterbusch ab, einer unbedeutenden Güterzugstrecke, auf der die wenigen Züge nur mit Geschwindigkeiten von 15 – 25 km/h verkehrten. Sie könnten sich in jenen Jahren aber ebenso an vielen anderen Nebenstrecken oder Anschlussbahnen in anderen Städten zugetragen haben.

Blicken wir also zurück in jene Zeit, als Wohnen und Arbeiten noch dicht beieinander lagen und solche Schienenwege völlig selbstverständlich zum Wohnumfeld dazugehörten…

Die zahlreichen Kinder spielten noch überwiegend auf der Straße. Das häusliche Umfeld war ein Abenteuerspielplatz, der nur selten Langeweile aufkommen ließ. Die nur schwach befahrene Güterzugstrecke fügte sich harmonisch in die Umgebung der Kinderstube ein. Natürlich hatte man einen gewissen Respekt vor der Eisenbahn und wusste um die Gefahren. Bei allem Übermut verstanden es schon die Kleineren, mit dieser Alltagswelt umzugehen. Andererseits gehörte die Bahnstrecke zur vertrauten Umgebung und war Bestandteil der kindlichen Spielwelt.

Mit den nur langsam fahrenden Güterzügen konnte man um die Wette laufen. Selbst wer es schaffte, ein Stück weit mit dem Zug mitzuhalten, musste aber erleben, wie der Zug am Ende doch siegte, weil irgendwann die Puste ausging.

Ältere Kinder versuchten, die Dampfloks auf dem Fahrweg neben dem Streckenstück zwischen den Bahnübergängen Spinnereistraße und Buschstraße mit ihren Fahrrädern zu überholen. Selbstverständlich hielt man respektvoll einen sicheren Abstand zum Zug ein, damit man im Falle eines Sturzes nicht unter die Räder kam. Und dennoch gehörte anfangs schon ein wenig Mut dazu, im Abstand von nur wenigen Metern neben der mächtigen und laut stampfenden Dampflok und ihren wirbelnden Treibstangen furchtlos in die Pedale zu treten! Wenn es knapp wurde, dann versuchten manche Lokführer, sich der „Konkurrenz“ zu entledigen, indem sie plötzlich die Lokpfeife betätigten. Sie versuchten auf diese Weise, die ehrgeizig nebenher strampelnden Kinder zu erschrecken und damit aus dem Tritt zu bringen. Da auf diesem Streckenabschnitt aber ohnehin einige Pfeifsignale abgegeben werden mussten, konnte das nur selten beeindrucken. Erfolgreicher waren diejenigen Lokführer, die die Zylinderhähne öffneten, so dass es ein laut zischendes Geräusch gab und die emsigen Radler mitunter vom ausströmenden Dampf eingenebelt wurden. Manche Lokpersonale bezeugten mit erhobenem Daumen allerdings auch ihren Respekt vor der gezeigten sportlichen Leistung.

Ein beliebtes Spiel war auch das Dosenwerfen. Dabei wurden diverse Konservendosen auf eine Schiene gestellt und man warf mit Steinen aus dem Schotterbett aus verschiedenen Abständen danach. Natürlich waren die kleinen Dosen von Ölsardinen und Kondensmilch begehrter, weil man da schon genauer zielen musste. Häufiger kam es vor, dass die Nachbarn sich beschwerten – nicht weil man am Gleis spielte, sondern wegen des Lärms, den die Kinder dabei verursachten. Wenn manche Nachbarn sich allzu arg beschwerten, dann wurde das Terrain fluchtartig verlassen. So kam es immer wieder einmal vor, dass die auf den Schienen zurück gebliebenen Dosen von einer Dampflok plattgefahren wurden und seltsam zerknickt neben den Gleisen zu finden waren.

Eine andere Variante des Wurfspiels war es, über das Bahngleis hinweg Weitwürfe zu veranstalten oder auch Gegenstände in hohem Bogen über die Telegrafenleitung hinweg zu einem zuvor festgelegten Punkt auf der anderen Seite der Bahnstrecke zu befördern. Einmal war es ein aufgefundener Tauchsieder, der mit seiner Form und dem anhängenden Kabel entfernt an das Wurfgeschoss der Atlethen beim Hammerwerfen erinnerte. Leider reichten die Fertigkeiten eines beteiligten Werfers in keiner Weise an die Mindestanforderungen heran, so dass sich der Tauchsieder in der Telegrafenleitung verfing, dort hängenblieb und tagelang vom Misserfolg des gescheiterten Werfers kündete. Dennoch wurde die Identität des Missetäters gegenüber der Erwachsenenwelt eisern verschwiegen.

Bei den älteren Jugendlichen hatte das ehemalige Schrankenwärterhäuschen einen gewissen Stellenwert. Als es noch eine Türe hatte, blieb diese für die kleineren Kinder natürlich verschlossen, während die „Großen“ im Inneren laute Rockmusik hörten und aus den Ritzen blaue Qualmwolken drangen. Zur Beleuchtung dienten üblicherweise Kerzen, die auf leere Flaschen geklebt wurden und Kaskaden von Kerzenwachs produzierten.


Das ehemalige Schrankenwärterhäuschen – kurz bevor es dem jugendlichen Treiben nicht mehr standhalten konnte…

Die meisten Lokführer befuhren diesen Landstrich mit erhöhter Umsicht. Sie hatten gewiss schon manche üble Überraschung erlebt. Gelegentlich versuchten beispielsweise allzu Übermütige, aus dem Hinterhalt mit Steinen nach dem nach Münsterbusch fahrenden Zug zu werfen. Wenn die Lokmannschaft dies bemerkte, flogen manchmal Kohlebrocken zurück. Ganz hinterlistige Lokpersonale rächten sich bei der späteren Rückfahrt, indem sie die immer noch in Gleisnähe herumlungernden Übeltäter von der Lok aus mit dem Wasserschlauch bespritzten, mit dem sonst die Kohlen auf dem Tender genässt wurden.


Auch diese Lokmannschaft kannte ihre „Pappenheimer“ und die einschlägigen Brennpunkte…

Ein beliebtes Spiel war es auch, Münzen von den Dampfloks plattwalzen zu lassen. Immerhin hatte eine Dampflok der Baureihe 50 eine Achslast von bis zu 15 Tonnen! Da war es immer spannend, nach der Überfahrt die Ergebnisse zu vergleichen. Allerdings durfte man die Münzen nicht sofort nach der Vorbeifahrt des letzten Wagens anfassen, da die Münzen nach dem Walzen so heiß sein konnten, dass man sich sogar die Finger daran hätte verbrennen können. Manchmal waren die Prägungen völlig verschwunden, oft waren sie skurril verzerrt. Es konnte auch vorkommen, dass das Abbild der Münze auf dem silbernen Schienenkopf „abgepaust“ bzw. abgefärbt war und bis zur nächsten Zugfahrt sichtbar blieb. Kurioserweise konnte es auch passieren, dass die Münzen nachher verschwunden blieben, weil sie möglicherweise an den Laufflächen der Räder haften geblieben waren.


Aus vergangenen Kinder- und Jugendjahren habe ich noch ein vom Zug überrolltes 10-Pfennig-Stück behalten. Der Vorher-Nachher-Vergleich lässt die Kräfte erahnen, die hier gewirkt hatten. Wer als Kind gesehen hatte, wie es so einer Münze ergehen konnte, wusste über die Gefährlichkeit der Bahngleise Bescheid und ließ die gebotene Vorsicht walten.

Talentierte Künstler kamen gar auf die Idee, sich vom Zug verschiedene Münzen wie rote Pfennige und gelbe Groschen zusammenwalzen zu lassen. Manche Kinder sammelten auch gewalzte Kronenkorken von verschiedenen Biersorten. Auch kleine Spielzeugautos aus Zinkdruckguss wurden hier schon einem Härtetest unterzogen. Interessant war es ferner, kleine Glasscherben auf die Schienen zu legen und Versuche anzustellen, wie die verschiedenen Glasfarben zermahlen aussahen.


Während die Jungs gespannt beobachten, was mit ihren ausgelegten Münzen geschieht, sieht das erschreckte Lokpersonal nach, woher das eigenartige Poltern kam, dass man plötzlich verspürt hatte.

Dieses Bild  kann auch als Einleitung zu der Geschichte mit dem dampfgebügelten Büstenhalter dienen, denn darin spielt das rechts im Hintergrund sichtbare Mehrfamilienhaus, insbesondere der ganz links liegende Balkon der Erdgeschosswohnung dieses Hauses (rechts neben dem Telegrafenmast) ebenso eine Rolle wie die Böschung in der Kurve der Bahnstrecke.

In jener Wohnung lebte Inge, die dafür bekannt war, etwas langsamer als andere Kinder zu sein. Außerdem musste sie das schwere Schicksal tragen, dass ihre  Mutter sie nicht einfach nur Inge nannte, sondern stets die für Inge peinliche Vollversion ihres Namens benutzte, die „Ingetraut“ lautete.

Als Inge und andere Kinder aus der Straße einmal etwas abseits von Inges Wohnung auf der Vorderseite des Hauses spielten, hörte man plötzlich Inges Mutter lautstark rufen: „Inge-traut, Inge-traut, mir ist ein Büstenhalter vom Balkon gefallen! Geh mir den mal holen!“ Während Inge nicht gleich verstanden hatte, was ihre Mutter von ihr wollte, machten sich zwei Spitzbuben heimlich auf den Weg, einen Streich zu spielen. Sie hatten sofort kapiert, dass Inges Mutter beim Wäscheaufhängen ein BH vom Balkon gefallen war. Um Inge zu ärgern, schlichen die beiden unbemerkt zu jenem Balkon, stiebitzten das verlockende Kleidungsstück und versteckten sich an der Böschung des Bahndammes, um mitzuerleben, wie Inge vergeblich nach dem Büstenhalter suchen würde…

Als Inge dann endlich am Balkon aufkreuzte, fand sie natürlich keinen BH mehr und rief der Mutter zu, dass dort nichts zu finden sei. Während Inges Mutter noch an ihrer Tochter zweifelte, konnte man hören, wie sich – noch in einiger Entfernung – der Zug nach Münsterbusch näherte. In beiden Spitzbuben blitzte der gleiche Gedanke auf! Und so glitt einer der Spitzbuben lautlos die Böschung zum Bahngleis hinunter und drapierte dort den BH so passgenau auf die Schiene, dass die kunstvoll in Form genähten C-Körbchen unausweichlich von der Dampflok zusammengedrückt werden mussten. Die weitere Debatte zwischen Inge und ihrer Mutter wegen des nicht auffindbaren BHs ging dann schon im Lärm des herannahenden Güterzuges unter.

Als die 50er mit verheerender Wirkung über das weiße Kleidungsstück stampfte, ging Inge wieder zur Vorderseite des Hauses, um kurz zur Mutter in die Wohnung zu gehen, während ihre Mutter irritiert den Balkon verließ. Als man den BH von den Schienen barg, war er plattgedrückt und von einer braunen Fahrspur gezeichnet. Unmittelbar nach der Vorbeifahrt des Zuges konnte der BH dann, wie von den beiden Spitzbuben ohnehin ursprünglich geplant, still und heimlich auf den Balkon geworfen werden, als wäre nichts geschehen.


So ungefähr muss es ausgesehen haben, als der Büstenhalter “dampfgebügelt” worden war. Das gute Teil lag seinerzeit auf dem Gleisstück zwischen der Lok und dem Telegrafenmast.

Genauso unbemerkt, wie sich die beiden Spitzbuben vom gemeinsamen Spiel davongeschlichen hatten, kehrten sie auch wieder dorthin zurück. Allerdings fiel es ihnen ausgesprochen schwer, sich das Lachen zu verkneifen, als wenig später auch Inge wieder dazustieß.
Warum man kurz danach Inges Mutter bitterböse schimpfen hörte, konnte sich keiner so recht erklären…

Aus heutiger Sicht haben die Kinder den Eisenbahnern in jenen Jahren gewiss manches abverlangt. Aber die meisten Eisenbahner haben es sportlich genommen und sich nicht nachtragend verhalten. Nach der Bahnpolizei oder anderen Polizisten hat niemand gerufen. Häufig zeigten die Eisenbahner vielmehr eine gütige Milde. Möglicherweise hatten sie sich auch an eigene Kindheitserlebnisse erinnert.

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