Haltepunkt Stolberg-Atsch

Anfang der 1950er Jahre unternahm die Deutsche Bundesbahn große Anstrengungen, ihren Schienenpersonennahverkehr attraktiver zu gestalten. Eine der Verbesserungsmaßnahmen war der Einsatz von Schienenbussen. So erhielt auch das Bahnbetriebswerk Stolberg im Dezember 1952 seine ersten beiden Exemplare des von der Waggonbaufabrik Uerdingen hergestellten einmotorigen Schienenbusses (DB-Baureihe VT 95 bzw. 795). Diese in auffälligem Rot lackierten, großzügig verglasten und mit in Fahrtrichtung umlegbaren Rückenlehnen ausgestatteten Schienenbusse alleine stellten schon eine deutliche Angebotsverbesserung dar. Gegenüber den überwiegend noch mit Personenwaggons aus der Kaiserzeit oder den 1920er Jahren und Holzbänken gebildeten, von Dampfloks gezogenen „Bummelzügen“ war der Schienenbus in den 1950er Jahren innovativ und modern.

Mit dem Schienenbusverkehr einhergehend legte die Deutsche Bundesbahn zusätzlich an attraktiven Stellen bedarfsgerechte Haltepunkte an, um neue Fahrgäste zu gewinnen und das Fahrgastaufkommen zu steigern. Diese Haltepunkte waren häufig an den Standard von Bushaltestellen angelehnt. Neben einem kurzen, auf die Länge der verkehrenden Schienenbuseinheiten zugeschnittenen und mit einfachen Mitteln errichteten Bahnsteig gehörte oft nur ein schlichtes Wartehäuschen, ein Stationsschild, eine Fahrplantafel und evtl. ein bahninterner Fernsprecher zur Ausstattung.

Dieses Luftbild zeigt die Abzweigstelle am Schnorrenfeld in den 1950er Jahren. Auf der Brücke über den Münsterbach (Inde) fährt gerade eine Straßenbahn. Rechts davon über dem Baum kann man das ehemalige Stellwerk „Ss“ der Abzweigstelle sehen. Bei genauem Hinsehen kann man die Bahnsteige des Haltepunktes Stolberg-Atsch rechts vom Baum am Stellwerk und entlang des Werkszaunes erkennen.

Auf der Stolberger Talbahn entstand in diesem Zusammenhang neben dem Haltepunkt Stolberg-Kortumstraße  der neue Haltepunkt “Stolberg-Atsch”. Beide Haltepunkte sind erstmals im amtlichen Kursbuch für den Winterfahrplan 1954/55 verzeichnet. Schon im Winterfahrplan 1953/54 wurden die ersten Schienenbusse auf der Stolberger Talbahn eingesetzt.
Mit Beginn des Winterfahrplans 1954/55 wurde der Reisezugverkehr zwischen Stolberg und Walheim von den Schienenbussen weitgehend übernommen. Der im Fahrplan ausgebrachte Hinweis auf die fehlende Gepäckbeförderungsmöglichkeit lässt vermuten, dass diese Schienenbusse noch ohne Beiwagen verkehrten.

Der Winterfahrplan 1954/55:

Die Deutsche Bundesbahn bemühte sich redlich, ein attraktives Zugangebot bereitzuhalten. Im Winterfahrplan 1955/56 verkehrten auf der Stolberger Talbahn von Montag bis Freitag 20 Zugpaare zwischen Stolberg Hbf und Stolberg-Hammer. Je ein Zugpaar morgens und am frühen Nachmittag wurde noch mit einem konventionellen Dampfzug gefahren. Bei 10 dieser Zugpaare verkehrten die Schienenbusse weiter bis Walheim. Der letzte Schienenbus verließ den Bahnhof Stolberg-Hammer um 23:10 Uhr nach Stolberg Hbf.

Der Winterfahrplan 1955/56:

Selbst an Sonn- und Feiertagen verzeichnete der Winterfahrplan 1955/56 auf der Talbahnstrecke noch 10 Zugpaare zwischen Stolberg Hbf und Stolberg-Hammer. 8 Zugpaare davon verkehrten wiederum bis nach Walheim, ein weiteres Zugpaar verkehrte nur bis Breinig.

Der Haltepunkt Stolberg-Atsch lag unmittelbar an der Abzweigung der Strecke nach Münsterbusch. An dieser Stelle befand sich als Betriebsstelle der Deutschen Bundesbahn bereits die Abzweigstelle mit dem Anfang der 1950er Jahre  errichteten Stellwerk „Ss“. Von dort wurden zusätzlich auch drei beschrankte Bahnübergänge und die Weiche zum Gleisanschluss der Spiegelglashütte bedient. Da die Stolberger Talbahn zu dieser Zeit noch zweigleisig ausgebaut war, befand sich der Bahnsteig für das Richtungsgleis zum Stolberger Hauptbahnhof entlang des Zaunes am Werksgelände der Glashütte. Dieser Bahnsteig war von der Eisenbahnstraße aus nur über einen Fußweg erreichbar, der im Bereich des Stellwerks die Gleise überquerte. Möglicherweise war dieser Fußweg durch eine kleine Schrankenanlage gesichert. Der Bahnsteig für die Gegenrichtung lag zwar im Winkel zwischen der Talbahnstrecke und dem Gleis von/nach Münsterbusch, er hatte aber nur zur Talbahnstrecke hin eine Bahnsteigkante.

Der Haltepunkt Stolberg-Atsch lag günstig zum Stadtteil Atsch und den Arbeiterwohnsiedlungen in der Umgebung der Straße „Schneidmühle“. Zudem befand er sich in unmittelbarer Nähe der im Volksmund „Spiegelhütte“ genannten, großen Glasfabrik, die seinerzeit noch mehrere hundert Arbeitsplätze bot. Allerdings war der Haupteingang dieses Werkes in den 1950er Jahren von der Lage gegenüber der Straßeneinmündung „Schneidmühle“/Eisenbahnstraße zur heutigen Position an der Nikolausstraße verlegt worden. Gleichwohl gab es unmittelbar bei dem Haltepunkt einen (heute noch vorhandenen) Nebeneingang. Gegenüber dem Haltepunkt befand sich an der Eisenbahnstraße der „Rosenhof,“ ein seinerzeit bekanntes (und berüchtigtes) Wirtshaus.

Außerdem verlief entlang der Eisenbahnstraße die meterspurige Straßenbahnlinie 8 der ASEAG von Atsch-Dreieck nach Oberstolberg. Der Straßenbahnbetrieb zwischen Stolberg Hbf bzw. Atsch-Dreieck und Oberstolberg-Markt wurde allerdings am 05. Oktober 1959 eingestellt.


Auf diesem Luftbild aus den 1950er Jahren sind die Anlagen des Haltepunktes Stolberg-Atsch deutlich zu erkennen.


Vom Boden aus wurde am 3. Oktober 1959 dieser Blick auf den Haltepunkt Stolberg-Atsch festgehalten. Links von dem Straßenbahntriebwagen 5224 bzw. am Bildrand ist deutlich das Stationsschild des Hp. Stolberg-Atsch erkennbar. Der Straßenbahnverkehr auf der Linie 8 endete bereits zwei Tage nach dieser Aufnahme, der Reisezugverkehr der DB am Hp. Stolberg-Atsch konnte sich nur wenige Monate länger, bis zum Mai 1960 halten.

Offenbar konnte sich die Deutsche Bundesbahn dennoch gegen die im Stolberger Tal bestehende Konkurrenz der Bus- und Straßenbahnlinien der ASEAG und den aufkommenden motorisierten Individualverkehr nicht durchsetzen. Schon im Sommerfahrplan 1960 ist diese Blütezeit vergangen. Dort ist mit dem Zugpaar 8072/8071 lediglich noch ein Zugpaar zwischen Stolberg Hbf und Walheim verzeichnet. Anhand der Fahrzeiten und der Zugnummer kann vermutet werden, dass es sich hier um einen Güterzug mit Personenbeförderung handelte. Der Zug 8072 nach Walheim verkehrte bereits ohne Halte am Bahnhof Stolberg-Mühle und an den Haltepunkten Stolberg-Atsch und -Kortumstraße, auf der Rückleistung 8071 war kurioserweise noch ein Bedarfshalt auf dem Bahnhof Stolberg-Mühle vorgesehen. Wahrscheinlich handelte es sich dabei um ein sog. „Alibizugpaar“, das lediglich noch angeboten wurde, um der gesetzlichen Beförderungspflicht nachzukommen. Bis zur offiziellen Einstellung des Reisezugverkehrs änderte sich an diesem Zugangebot nichts mehr.

Auch wenn die Haltepunkte Stolberg-Atsch und -Kortumstraße erst mit dem Sommerfahrplan 1962 aus den Kursbuch gestrichen worden sind, so endete der regelmäßig Reisezugzugverkehr dort bereits mit dem Ende des Winterfahrplans 1959/60.

Ab den 01.01.1962 war die gesamte Strecke zwischen Stolberg Hbf und Walheim nun ohne Personenverkehr. Schon im Jahre 1961 war das zweite Streckengleis zwischen Stolberg-Hammer und dem Stellwerk “Ss” an der Abzweigstelle der Strecke nach Münsterbusch demontiert worden. Von dort aus wurde das zweite Gleis mit dem Gleis aus Münsterbusch verbunden und fortan als eigene Strecke in den Stolberger Hauptbahnhof eingeführt. Möglicherweise sind die Anlagen des Haltepunktes Stolberg-Atsch schon bei dieser Umbaumaßnahme entfernt worden. Im Jahre 1974 waren davon zumindest keine Reste mehr zu sehen.


Dieses Luftbild zeigt die Streckengabelung um 1970. Die Anlagen des Haltepunktes Stolberg-Atsch sind ebenso verschwunden wie die Abzweigstelle mit dem Stellwerk „Ss“.

Als am 10. Juni 2001 zwischen Stolberg Hbf und Stolberg-Altstadt (vormals Stolberg-Hammer) der Schienenpersonennahverkehr mit der Euregiobahn wieder aufgenommen wurde, eröffnete man rd. 200 m jenseits des früheren Haltepunktes Stolberg-Atsch den neuen Haltepunkt „Stolberg-Schneidmühle“ (siehe dort).

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