Abtransport der letzten vier Dampfloks des Bw Stolberg am 15. Juni 1976

Am Vormittag des 15. Juni 1976, einem Dienstag, wurden die letzten vier Dampfloks des Bw Stolberg zum Abtransport nach Duisburg-Wedau zu einem Lokzug zusammengestellt. Im Bereich der Bekohlungsanlage auf dem Gleis 81 bzw. dem internen Bw-Gleis 6 wurden die Loks in der Reihenfolge

051 462-0 (Richtung Stellwerk „Sl“)

053 031-1

050 164-3

050 622-0 (Richtung Münsterbachstraße und Glashütte)

aufgereiht. Zwischen die Loks und am Anfang bzw. Ende des Lokzuges wurde zur Reduzierung der Meterlast des Zuges jeweils ein leerer E-Wagen eingestellt.

Die 050 622-0 war als einzige der vier Dampfloks mit einem leichten Feuer angeheizt. Bei der Ausfahrt aus dem Bw verabschiedete sich der Lokzug mit wehmütigen Abschiedspfiffen der 050 622.

Der Lokzug wurde mit der Diesellok 290 222-9 des Bw Stolberg aus dem Bw-Bereich gefahren. Vorbei am Stellwerk „Sl“ ging es über die Gleise 51 und 67 in den Bezirk II des Stolberger Hauptbahnhofs. Dort wurde der Lokzug mit einer E-Lok bespannt und von Lokführer Wolfgang Backes (†) nach Duisburg-Wedau gefahren. Die Deutsche Bundesbahn hatte seinerzeit das Bahnbetriebswerk Duisburg-Wedau zum Auslauf-Bw für die Loks der Baureihen 050 – 053 bestimmt. Der Laufweg des Lokzuges führte von Stolberg über Aachen Hbf und Aachen-West sowie Rheydt und Mönchengladbach in Richtung Duisburg. (Die Zwischenwagen waren vermutlich wegen der Rurbrücke bei Baal erforderlich.)

Verwaltungstechnisch bzw. buchmäßig vollzog sich die Umstationierung allerdings etwas anders. Was die tatsächliche Umbeheimatung dieser vier Dampfloks zum Bw Duisburg-Wedau angeht, so dürfte vermutlich der 01.06.1976 das korrekte Datum sein. Wahrscheinlich endet die Führung des Lokverwendungsnachweises des Bw Stolberg am 31. Mai 1976. Anhand von Betriebsbuchauszügen kann für die Loks 050 164 und 053 031 festgestellt werden, dass dort der 03. Juni 1976 als (buchmäßig) letzter Tag der Beheimatung und Stationierung beim Bw Stolberg vermerkt ist.

Es war bei der Deutschen Bundesbahn einerseits zwar so, dass Loks zu einem bestimmten Stichtag umzubeheimaten waren. Andererseits vollzog sich ihre körperliche Umsetzung betrieblichen Belangen folgend dann aber entweder schon vorher, später oder natürlich auch an diesem genannten Tag.

Die Tatsache, dass zwischen der offiziellen Umbeheimatung und dem praktischen Vollzug einige Tage vergangen sind, war belanglos. Schließlich hatte das Bw Duisburg-Wedau als Auslauf-Bw für die Loks der Baureihen 050 bis 053 keinen Lokmangel. Und auch das Bw Stolberg, dass seit dem 27. September 1975 als Einsatz-Bw mit acht Loks der Baureihe 290 aus dem Bw Düren disponierte, hatte keinen Bedarf und keine Verwendung mehr für seine letzten vier Dampfloks……

Unabhängig von den verwaltungs- und buchungstechnischen Angaben ist die Bundesbahndirektion mit dem Abtransport der letzten vier Dampfloks aus dem Bw Stolberg faktisch am 15. Juni 1976 „dampffrei“ geworden.

Wie diese kleine Episode zeigt, sollte man nicht alles für bare Münze nehmen, was in Betriebsbüchern, auf Verwendungsnachweisen oder in offiziellen Unterlagen der DB zu finden ist.

Noch weniger kann man – wie dieser Fall zeigt – der Presseberichterstattung vertrauen:

Die beiden Stolberger Tageszeitungen berichteten zwar am Mittwoch, dem 16. Juni 1976 über den Abtransport der letzten Stolberger Dampfloks zum Bw Duisburg-Wedau, der am Vortag stattgefunden hatte.

Die „Stolberger Volkszeitung“ fasste sich aber recht kurz:pressebericht16061976sttq3

Die „Stolberger Nachrichten“ hatten immerhin einen umfangreicheren Bericht verfasst:
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Bei kritischem Lesen der Berichte werden jedoch einige Ungereimtheiten deutlich.

So berichtet die „Stolberger Volkszeitung“ nur von drei Dampfloks. Tatsächlich sind es aber vier Dampfloks der Baureihe 50 gewesen, wie auch auf dem Bild der „Stolberger Nachrichten“ klar zu erkennen ist.

Im Bericht der „Stolberger Nachrichten“ mutieren die Loks zur Baureihe 05. Ursache für diesen Fehler könnten evtl. die Lokschilder der Lok 051 462 sein, die erst kurz vor dem Dampflokabschiedsfest zwischen dem 29. März und dem 02. April 1976 angefertigt worden waren und bei denen auf der Spritzschablone die Abstände etwas missraten waren. Die Loknummer sah dort aus wie „05 1462“.

Dass der Lokalredakteur aus dem Bahnbetriebswerk den „Bahnbereich Stolberg“ gemacht hat, kann man ihm sicherlich ebenso nachsehen wie die Fehlinformation, die Baureihe 50 sei schon 1938 in Stolberg eingesetzt worden. Das Bw Stolberg hat tatsächlich erst im Jahre 1942 mit den fabrikneuen Loks 50 2692 bis 50 2696 seine ersten 50er bekommen.

Verworren wird es aber bei der Schilderung des Ablaufs der letzten Fahrt. Die Angabe, die Dampfloks seien von einer Elektrolok in Richtung Güterbahnhof gezogen worden, kann nicht richtig sein, da es weder im Bw Stolberg noch in dem angrenzenden Rangierbezirk IV eine elektrische Fahrleitung gegeben hat. In Wahrheit hatte ja die Diesellok 290 222 die Dampfloks aus dem Bw-Bereich heraustransportiert.

Paradox wirkt auch die weitere Angabe in dem Bericht, die Abschiedsrufe von Eisenbahnern seien im Fahrtlärm untergegangen. Noch widersprüchlicher wird die Angelegenheit, wenn man den Bericht der „Stolberger Volkszeitung“ und die dortigen Aussagen zu einem Pfeifkonzert mit der Überschrift des Berichtes der „Stolberger Nachrichten“ vergleicht, in dem es doch hieß, die Loks seien kalt auf die Reise gegangen…?? Die Wahrheit liegt dazwischen, schließlich hatte man auf einer Lok, der 050 622, ein leichtes Feuer angelegt…. Die anderen drei der letzten vier Stolberger Dampfloks waren kalt, haben beim Abtransport nicht unter Dampf gestanden.

Würde man heute alleine anhand der Presseberichte dieses Ereignis recherchieren, ergäbe sich ein falsches und unvollständiges Bild. Gleichwohl – der Bericht der „Stolberger Nachrichten“ spiegelt zumindest den Zeitgeist der 1970er Jahre gut wider.

Dass den Eisenbahnern vom Bw Stolberg der Abschied von der Dampflok nicht schwer gefallen sein wird, kann man vielleicht an der Tatsache ablesen, dass sie einerseits zwar für ein stimmungsvolles Abschiedszeremoniell ihrer 050 622 noch einmal ein leichtes Feuer spendiert hatten, andererseits für den Transport nach Duisburg-Wedau dann aber doch lieber eine E-Lok verwendet hatten. Schließlich waren die letzten Stolberger Dampfloks durchaus noch einsatzfähig und hätten durchaus mit eigener Kraft nach Duisburg fahren können! Beim Bw Duisburg-Wedau sind die Loks 050 164 und 053 031 jedenfalls noch im Juli 1976 im schweren Güterzugdienst eingesetzt worden. Und dort trafen sie auch noch einmal auf eine alte Gefährtin – denn auch die ehemalige Stolberger Lok 050 190, die auf einem Umweg über das Bw Gremberg schon vorher den Weg zum Auslauf-Bw Duisburg-Wedau gefunden hatte, wurde dort im Sommer 1976 noch im Güterzugdienst eingesetzt.
Zwei der letzten vier Stolberger Dampfloks sind sogar bis heute erhalten geblieben:

– Die Lok 050 622 avancierte 1985 zu einem der Dampflokstars der Deutschen Bundesbahn beim 150-jährigen Jubiläum der deutschen Eisenbahn. Allerdings wurde sie am 17. Oktober 2005 bei einem Feuer im Museumslokschuppen in Nürnberg-Gostenhof schwer beschädigt und harrt noch einer Instandsetzung.

– Die Lok 053 031 befindet sich heute im Süddeutschen Eisenbahnmuseum Heilbronn und wird dort zur Zeit wieder  aufgearbeitet.

Waren 050 164, 050 622, 051 462 und 053 031 wirklich die letzten Dampfloks im Bw Stolberg?
Auch hier gibt es eine interessante Facette. Diese vier Loks waren unstreitig die letzten Dampfloks im eigenen Bestand des Bw Stolberg. Aber sie waren nicht die letzten Dampfloks, die das Bw Stolberg beherbergte….

Nach dem großen Dampflokabschiedsfest vom 3. und 4. April 1976 blieben nämlich die beiden Museumsloks 24 083 und 56 3007 zunächst im Bw Stolberg zurück. Von 24 083 gibt es wohl ein Foto, das sie noch am 22. Mai 1976 im Bw Stolberg zeigt. Und 56 3007 befand sich definitiv noch am 16. Juni 1976 im Bw Stolberg. Denn an diesem Tag entstanden diese beiden Fotos des „dampffreien“ Bw Stolberg.

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Die Gleise sind wie leergefegt. An der Bekohlungsanlage ist nur noch ein kleines Häuflein Lokomotivkohle übrig geblieben.

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Aber als kleiner Punkt ist in der sog. „Wagenhalle“ im Hintergrund eine Dampflok zu erkennen. Das war die vom Eisenbahnmuseum Darmstadt-Kranichstein erworbene Lok 56 3007, die seit dem Dampflokabschiedsfest im Bw Stolberg auf ihren Abtransport wartete.

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Wann diese beiden Dampfloks das Bw Stolberg verlassen haben, vermag ich nicht genau zu sagen. Beide waren sie aber länger als die DB-Dampfloks in Stolberg. Und eine von ihnen ist die letzte Dampflok, die im Bw Stolberg gewesen ist.

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