Mitfahrt auf einer Dampflok von Stolberg nach Siersdorf

Wie es war, auf einer Dampflok ins Aachener Steinkohlerevier zu fahren und wie dieses Erlebnis für mich möglich wurde….   Mit dem Ende des Sommerfahrplans 1975 endete beim Bw Stolberg der planmäßige Dampflokeinsatz. Für mich damals gerade mal knapp 15-jährigen Dampflokfreund bedeutete es einen gravierenden Einschnitt, von da an ohne die faszinierenden, geliebten Dampfloks auskommen zu müssen. Im Laufe des September 1975 hatte ich deshalb noch einmal versucht, in Stolberg alles zu fotografieren, was mir an Dampfleistungen vor die Kamera fuhr. Und als dann der Tag des Fahrplanwechsels kam, wurde mir bewußt, dass da noch etwas war, dass mir bislang entgangen war und das ich doch unbedingt noch einmal erleben wollte – eine Mitfahrt auf dem Führerstand einer Dampflok. So eine richtige Fahrt auf einer kräftig arbeitenden Lok – das war ein sehnsüchtiger Wunsch geblieben. Nun hatte ich weder im Verwandten- noch im Bekanntenkreis Beziehungen zu Eisenbahnern – und einfach so zu fragen, dazu war ich einerseits zu schüchtern, andererseits hielt ich es bis dahin auch gar nicht für möglich, solchen Wunsch „einfach so“ erfüllt zu bekommen.
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Wie sich zeigte, war im Oktober 1975 doch noch nicht in allen Stolberger Dampfloks das Feuer aus. Für eine Übergangszeit setzte das Bw Stolberg weiterhin einige wenige Dampfloks ein. Eine sichere, regelmäßig verkehrende Dampflokleistung war ein Kohlenzug aus der Grube Emil Mayrisch in Siersdorf, für den zwei Stolberger 50er zunächst als Leerfahrt nach Siersdorf fuhren und von dort einen aus rd. 40 Fc-Wagen gebildeten Kohlenzug nach Stolberg zurückbrachten. Die Leerfahrt zu diesem Zug verließ Stolberg Hbf von Montag bis Freitag etwa zwischen 16:30 und 17 Uhr, die Rückkehr erfolgte rund 3 Stunden später bei Dunkelheit. Nur samstags fuhr der Zug abweichend schon gegen 9:30 – 10 Uhr von Stolberg ab, um gegen 13 Uhr wieder zurückzukommen. Am 21. Oktober 1975 fotografierte ich die Loks 050 622 und 050 164 mit dieser Leistung nahe dem Stellwerk „Sif“ bei der Abfahrt aus Stolberg Hbf:
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Die „Nachtfahrt“ erschien mir damals unattraktiv. Und samstags hatte ich noch Schule, und einen Lehrer, der Fällen von Schuleschwänzen immer sehr intensiv nachging. Guter Rat war teuer. Doch da gab es diesen einen Samstag in den damals noch einwöchigen Herbstferien 1975….. – dieser Tag könnte es werden. Dieser Tag musste werden! – schließlich wußte ich ja auch nicht, wie lange der Kohlenzug noch übergangsweise mit Stolberger Dampfloks fahren würde.

Am Freitag vorher erkundigte ich mich bei der Lokleitung im Bw Stolberg, ob dieser Kohlenzug am folgenden Samstag tatsächlich verkehren würde. Der freundliche Eisenbahner auf der Lokleitung sagte lässig: „Jaja, unser „feuriger Emil“ fährt Morgen auch wieder…“. Von ihm schnappte ich diesen Namen auf, der sonst sicherlich nicht weiter bekannt ist. Da der Eisenbahner mir recht aufgeschlossen schien, wagte ich einfach mal einen Vorstoß in Richtung Führerstandsmitfahrt. Aber da wurde er dienstlich und erklärte mir etwas von … Genehmigung bei der Bundesbahndirektion einholen… , Versicherungsfragen und ähnlichem. Bis zum nächsten Tag war das nicht zu arrangieren. So fragte ich erst gar nicht weiter. Da mußte ich einen anderen Weg suchen. So beschloss ich, am Samstag alle Schüchternheit zu überwinden und das Lokpersonal einfach zu fragen – Alles oder Nichts! Schließlich hatten die Lokpersonale mir beim Fotografieren doch oftmals freundlich zugewunken…

Am neblig-trüben Morgen des 25. Oktober 1975 fuhr ich mit dem Fahrrad zum Stolberger Hauptbahnhof, Bezirk V, gegenüber dem Stellwerk „Sif“, wo die beiden Loks für den Kohlenzug regelmäßig einen kurzen Halt einlegten, bevor sie sich auf die Tour nach Siersdorf begaben. Natürlich war ich weit vor der Zeit, damit ich die Loks nur ja nicht verpassen konnte, falls sie vor-Plan fahren sollten. So stand ich an diesem  kühlen Morgen einsam und fröstelnd an den Gleisen gegenüber dem Stellwerk und wartete auf meine Chance. Im Rangierbezirk V war zur dieser Zeit kein Betrieb, und so kam es, dass der Eisenbahner vom Stellwerk mehrfach zu mir herüberschaute. Etwas mulmig war mir schon, schließlich musste ich ja die Gleise überqueren, um im richtigen Moment zu den Loks zu kommen und meine Frage anbringen zu können. Nach etwa 20 Minuten rief der Stellwerker mich zu sich hinüber. Ob er mich durchschaut hatte und mein verbotenes Tun vorausahnte? Doch im Gegenteil, er lud mich auf sein warmes Stellwerk ein. Natürlich erkundigte er sich wohl, was ich vorhatte. Ich erzählte ihm zunächst nur etwas vom Fotografieren und meiner Dampflokleidenschaft. Irgendwie und ohne eine Absicht kam das Gespräch dann doch auf das Thema Führerstandsmitfahrt, und ich sagte: Ja, das wär´s! So etwas würde ich wohl gerne einmal erleben, aber bisher hätte sich dazu keine Gelegenheit ergeben. Und ich zweifelte, ob es noch einmal funktionieren würde, bevor in Stolberg der Dampflokeinsatz endet. Zu meiner Freude riet der Stellwerker mir, ich sollte doch nachher mal vom Stellwerk aus auf die Lokführer zugehen und sie einfach fragen – er würde die Ausfahrt so lange zurückhalten….

Gegen 9:30 Uhr kamen dann die Loks 050 622 und 050 806 über die Verbindungsbahn in den Bezirk V gefahren. Hier befinden sie sich noch in Höhe des Stellwerks „Sa“, als ich sie das erste Mal fotografierte.
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Nahe vor dem Stellwerk „Sif“ kamen die beiden Loks zum Stehen.
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Zunächst machte ich einige Fotos der beiden Loks. Wenn es mit der erhofften Mitfahrgelegenheit nicht klappen würde, hätte ich zumindest diese Fotos.
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Die Lok 050 622 war eine der wenigen Stolberger Dampfloks der BR 50, die mit einem Normaltender gekuppelt war.
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Die Lok 050 806 gehörte zu den letzten beiden Dampfloks, die beim Bahnbetriebswerk Stolberg ausgemustert wurden. Sie stand noch bis Ende März 1976 im Gelände des Bahnbetriebswerks.
Auf dem Führerstand der 050 622 befand sich bereits ein kleines Kind als Mitfahrer. Da sah es vielleicht gar nicht so schlecht für mein Vorhaben aus…..

Also ging ich jetzt wie empfohlen auf das Lokpersonal der 050 806 zu und stellte mich als Eisenbahnfreund vor, der vor dem Ende der Dampflokzeit in Stolberg gerne noch einmal eine Führerstandsmitfahrt erleben wollte.
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Die Lokmänner sahen sich an, schauten dann zum Stellwerk „Sif“ hin, wo der Eisenbahner freundlich herüberwinkte – und nickten! Die heiligen Worte „Na, dann steig mal ein…“ werde ich nicht vergessen. So einfach ging das – unglaublich. Ehrfürchtig kletterte ich die Leiter zum Führerstand hinauf. Fasziniert betrachtete ich den Führerstand mit all seinen Armaturen, Hebeln, der Feuerklappe, hinter der es loderte und den Tender mit seinem Kohlenberg. Zwar bedankte ich mich vielmals für die Mitfahrmöglichkeit, aber das wollte die Lokmannschaft gar nicht hören.
Ich schaute noch einmal zum Stellwerk „Sif“ hinüber, wo der Stellwerker den Daumen hob und sich dann der Hebelbank zuwandte. Die Signalflügel hoben sich mit blechernem Scheppern zum Hp 2, und schon ging es los. In flotter Fahrt dampften die beiden Loks aus dem Stolberger Hauptbahnhof, hinein in die Rechtskurve parallel zum Ausziehgleis und sogleich durch die enge Brücke unter der Hauptstrecke Köln-Aachen hindurch – Kopf einziehen! Im Propsteier Wald erlebte ich das mir gut bekannte Pfeifkonzert, und kurz danach zeigte das Signal der Abweigstelle Quinx Hp 2 für die Fahrt in Richtung Würselen. So zügig, wie die Loks über die vertraute Strecke ratterten, konnte ich die vielen Eindrücke gar nicht aufnehmen. Ich versuchte, die mir bekannten Stellen an der Strecke aus der Führerstandsperspektive zu fotografieren, aber durch das neblig-trübe Wetter und das Rütteln der rückwarts fahrenden Lok sind eine ganze Reihe Fotos mißraten. Das Einfahrsignal Würselen zeigte Hp 1, der Bahnhof wurde ohne Halt durchquert. Anschließend ging es durch die Felder über Euchen nach Mariagrube – einer Gegend, die für mich damals noch recht unbekannt war.
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Auch Mariagrube wurde ohne Halt, aber mit veminderter Geschwindigkeit passiert.
Die Lokmannschaft grüßte stets die Stellwerkspersonale, irgendwie schienen sich alle zu kennen. Und niemand nahm Anstoß, dass ich hier auf dem Führerstand mitfuhr und mir die Dampflokatmosphäre um die Nase wehen ließ. Irgendwann kam dann der monumentale Beton-Förderturm der Grube „Emil Mayrisch“ in Sicht. Die Lokmannschaft bremste, und kurz vor der Grube hielten wir am Bahnsteig des Haltepunktes Siersdorf, wo das Personal der an erster Stelle laufenden 050 622 kurz mit dem dortigen Fahrdienstleiter sprach. Mit Hp 2 ging es anschließend in den Grubenbahnhof.
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Meine erste Begegnung mit der Grube „Emil Mayrisch“ des Eschweiler Bergwerksvereins (EBV). Welche seltene Gelegenheit und Güte mir da zuteil wurde, hatte ich damals noch gar nicht richtig begriffen. Das Lokpersonal erklärte mir die Gepflogenheiten auf dem Grubenbahnhof, und so blieb ich die meiste Zeit auf dem Führerstand. Während der Wartezeit auf die Bereitstellung unseres Zuges kam das Personal der 050 622 mit ihrem jungen Mitfahrer zum Klönen einige Zeit lang auf die 050 806. Mit dem Heizer der 050 622, der auch einen Fotoapparat mitgenommen hatte, unternahm ich dann im Laufe der Wartezeit doch noch eine kurze Fotosession mit den beiden 50er im Grubenbahnhof.
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Im Bahnhof der Grube „Emil Mayrisch“ standen die beiden Bundesbahndampfloks nahe dem Stellwerk der Grubenbahn.
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Hier schaut der Lokführer der 050 622 interessiert zu, was alles fotografiert wird.

Die Ausbeute an EBV-Loks war gering. Weit weg von uns stand nur noch die Lok 3 mit ihrem großen Kobelschornstein, die bei den Lokmännern als „Westernlok“ bekannt war. Während der Wartezeit kam allerdings die EBV-Lok 2 mehrfach vorbei. Auch deren Personal schienen keinen Anstoß an meiner Mitfahrt in den Grubenbahnhof und meinem Aufenthalt innerhalb des Zechengeländes zu nehmen.
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Irgendwie eine völlig irreale Situation. So lange hatte ich dieses Erlebnis ersehnt, und heute stand ich nun hier, und alles war ganz einfach und völlig unkompliziert. „Alles easy“ – wie man in den 70er Jahren so etwas beschrieben hätte.
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Hier rangiert die Grubenbahnlok 2 auf der Heizerseite vorbei. Im Hintergrund sind im Dunst die Kohlenwäsche (links) und der 75 m hohe Förderturm (rechts) der Grube „Emil Mayrisch“ zu erkennen.
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Die rechts im Bild zu sehende Wagengruppe ist schon ein Teil des Zuges, den die beiden Dampfloks später nach Stolberg ziehen müssen.
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Doch bis dieser Zug vollständig zusammengestellt war, rangierte Lok 2 noch einige Male vorbei. Hier ist sie vor der Kulisse des Bergwerks aufgenommen. Mit Hilfe der beiden Fördertürme wurden täglich mehrere tausend Tonnen Kohle gefördert, die mit der Bahn abtransportiert wurden.

„Unser“ Kohlenzug wurde von der Grubenbahnlok auf einem Nebengleis zusammengestellt. Vor der Abfahrt nach Stolberg mussten die Bundesbahnloks noch einmal vorziehen und an den Zug zurücksetzen.
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Nach dem Ankuppeln und der Bremsprobe erhielt das Lokpersonal die Zugpapiere. 42 Waggons nannte der Bremszettel, das Gewicht hatte ich mir nicht notiert. Die Lokpersonale schien der Zug indes nicht zu beeindrucken. Für sie war das eine gewohnte, alltägliche Sache. Auch das neblig-trübe Wetter und schlüpfrige Schienen fürchteten sie nicht. Für die bevorstehende Fahrt legten die Heizer noch eine Ladung Kohlen auf, die das Feuer mit einer fetten schwarzen Rußwolke quittierte.
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Auf der Rückfahrt nach Stolberg hatte die 050 806 die Führung. Zwei kurze Pfeifsignale, und dann wirbelten beide 50er mit ohrenbetäubendem Lärm zwei gewaltige Dampfpilze in den Himmel.
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Mit geöffneten Zylinderhähnen fuhr 050 806 an.
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Jeder Kolbenhub war einzeln zu hören und an den ausgestossenen Dampfwolken zu sehen.
Meter für Meter kämpften sich die Loks vorwärts. Mit routiniertem Griff bediente der Lokführer den Regler und schaffte es, seine Lok ohne Schleudern aus dem Grubenbahnhof hinauszufahren. Beim Verlassen des Grubenbahnhofs begegnete den Dampfloks ihre Ablösung in Form einer Diesellok der BR 290 des Bw Düren.
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Auch der weiß gekleidete EBV-Mitarbeiter am Stellwerk und Betriebsbüro der Grubenbahn läßt sich das Spektakel des ausfahrenden Dampflok-Duos nicht entgehen.

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Kurz danach passiert 050 806 den Bahnübergang der Landstraße von Siersdorf nach Setterich. Ungefähr an dieser Stelle befand sich die Grenze zwischen der EBV-Grubenbahn und der Bundesbahnstrecke. Am Bahnübergang ist das DB-Signal zu sehen, das den Übergang zur Grubenbahn regelt. Dahinter liegt der Haltepunkt Siersdorf mit dem DB-Stellwerk:

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Das erste Streckenstück bis Mariagrube verlief in einer lange Steigung. Mit Volldampf donnerten die 50er auf dem kleinen Bahndamm zwischen den Feldern voran.
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Auf dem Führerstand der angehängten Dampflok 050 622 wurde offenbar Sachkundeunterricht erteilt. Jedenfalls demonstrierte der Lokführer dem dort mitfahrenden Kind mit dem Petroleumbrenner aus einer Zugschlusslaterne, dass der Fahrtwind diese Laterne nicht ausblasen konnte.
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Die Dampfwolken der Loks wurden vom Nordwestwind in die Felder gedrückt und vereinigten sich dort zu einer grauen Nebelschwade.
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Ein gewaltiger Anblick unter Donnergetöse. Das kraftvolle Stampfen der beiden mit dem Zug kämpfenden Loks trommelte in den Ohren und hallte über die Felder. Hier und da blieben Menschen fasziniert an der Strecke stehen und schauten sich das Spektakel an. Der Heizer musste zum ersten Mal auf dieser Fahrt Schaufel um Schaufel Kohle aufs Feuer werfen. Der Lokführer lauschte mit spitzen Ohren auf die stampfenden Fahrgeräusche und regelte die Dampfzufuhr immer wieder nach. Ich stand glückselig in diesem Höllenspektakel und konnte nicht richtig glauben, was ich hier erlebte. Aber so wie ich auf den rüttelnden und klappernden Blechplatten zwischen Lok und Tender stehend durchgerüttelt wurde, das konnte kein Traum sein, das war die Dampflokwirklichkeit, die ich mir ersehnt hatte.
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Eine Führerstandsmitfahrt auf einer schwer arbeitenden Lok wollte ich ja gerne erleben, aber dass ich das Glück hatte, so einem Spitzenerlebnis beizuwohnen – unglaublich! Ob eine Bergfahrt auf der „Schiefen Ebene“ oder der „lange Heinrich“ auf der Emslandbahn sich genauso anfühlte? Egal, das hier war Dampflok pur, doppelt und extrastark! Mir konnte es gar nicht lange genug dauern. Aber der Zug rollte unaufhaltsam auf Stolberg zu!
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Hier passiert das Dampflok-Duo die Einfahrt in den Bahnhof Mariagrube:

Mariagrube – Ofden – Euchen wurden eingenebelt. Bis Würselen mussten die Loks alles geben. Stets war die Durchfahrt durch die Bahnhöfe frei. Erst hinter Würselen wurde es geruhsamer und die Fahrt ruhiger. An der Abzweigstelle Quinx zeigte das Signal Hp0.
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Das störte die Lokmannschaft aber nicht, da die Anfahrt hier nicht in einer Steigung lag. Nach einigen Minuten Wartezeit kam das Hp 2, und relativ moderat wummerten die Loks mit dem Zug wieder los. Jetzt noch pfeifend durch den nebligen Propsteier Wald, und dann kam auch schon das Einfahrsignal von Stolberg Hbf. Mit Hp 2 ging es am Ablaufberg vorbei in Richtung des Stellwerks „Sif“, um dann in den Rangierbezirk V einzufädeln.
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Natürlich schaute ich zum Stellwerk „Sif“ hoch, doch mein freundlicher Helfer war nicht zu sehen. An der Ostseite des Rangierbezirks hielten die Loks an und wurden abgekuppelt. Die Maschinen würden gleich zum Bw weiterfahren, aber um evtl. Ärger dort vorzubeugen, stieg ich schon hier im Bezirk V von der Lok.
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Meine Dankesworte wollten die beiden Lokmänner gar nicht hören, sie betrachteten es als Ehrensache, diesen persönlichen Dampflokabschied zu ermöglichen.
Den Moment, bis die Loks aus meinem Blickfeld verschwunden waren, verharrte ich neben dem Gleis, erst danach begab ich mich wieder zurück zu meinem Fahrrad. Mit rußigen Händen radelte ich nach Hause. Beim Blick in den Spiegel sah ich dort auch etwas Ruß im Gesicht. Ich habe ihn nicht gleich weggewischt……..

Auch wenn das Dampflokabschiedsfest am 3. und 4. April 1976 zweifellos der glanzvolle Schlußpunkt der Stolberger Dampflokgeschichte war, für mich war diese Führerstandsmitfahrt mein ganz persönliches Dampflokabschiedsfest – und in diesem Abschied lag auch ein neuer Anfang, denn an diesem Tag wurde mein Interesse für die Grubenbahnen und Bergwerke des Wurmreviers erweckt.

Mir ist der Name „feuriger Emil“ bis heute unvergessen geblieben ist, weil er sich mit diesem besonderen Erlebnis verbunden hat. Ein Tag ist bedeutsam, wenn man ihn sein Leben lang nicht vergißt. Der 25. Oktober1975 war solch ein Tag.

4 Gedanken zu „Mitfahrt auf einer Dampflok von Stolberg nach Siersdorf“

  1. Hallo Herr Keller,
    vor einigen Jahren bin ich G.E.M. – Mariagrube zu Fuß auf den alten, rostenden Gleisen langgelaufen. Da war von der Vergangenheit nur noch ein ganz leiser Hauch zu spüren. Ihre geschilderten Erfahrungen sind wirklich unbezahlbar. Schön, dass durch diesen Bericht auch andere noch etwas über das längst Verschwundene erfahren können.
    Die Zeit ist gnadenlos und verwischt immer mehr alle Spuren von dem, was einmal war. Das sieht man an den alten Eisenbahnstrecken besonders deutlich.Die Gleise werden überwuchert oder ganz demontiert.
    Es hat einen gewissen Reiz noch einmal zurückzublicken.
    Gruß M.Kreit

    1. Hallo Herr Kreit,

      vielen Dank – ich stimme Ihnen voll und ganz zu. Die Vergangenheit verblasst immer mehr. Wer kann sich heute noch die gewaltigen Dimensionen der Bergbaubetriebe vorstellen, der es nicht selbst erlebt hat. Wenn man nur das heute verwilderteGleis sieht, lässt sich kaum ermessen, welche Züge hier bis Anfang der 1990er Jahre noch gefahren sind. Die meisten Kohlenzüge mussten auf dem Weg nach Mariagrube mit zwei Dieselloks der BR 215 und/oder 290 bespannt werden. Einzelne Züge verkehrten sogar mit drei dieser Loks. Viele Züge zählten 30 bis 40 Waggons und reichten scheinbar bis zum Horizont. Diese Zeiten sind gewiss für immer vorbei. Aber ich denke, es ist ein berechtigtes Interesse, die Erinnerung wachhalten an die Leistungen, die von den Menschen auf und entlang dieser Strecke erbracht worden sind.
      Und noch gibt es die Vision, diese Eisenbahnstrecke evtl. einmal – zumindest teilweise – für einen Euregiobahnanschluss von Baesweiler oder Setterich zu verwenden.

      Gruß

      Roland Keller

  2. Das war eine schöne und aufregende Geschichte mit der Führerstandsmitfahrt von Stolberg via Würselen, Euchen, Ofden, Mariagrube zur Grube Emil-Meyrisch.
    Diese Strecke existiert heute nicht mehr.
    Nur ein kleiner Rest bis Saint-Gobian liegt noch, der aber nicht mehr bedient wird.
    Bis auf die eigentliche Ringbahn Herzogenrath-Alsdorf-St. Jöris/Merzbrück nach Stolberg ist vorhanden.
    Heute verkehrt die Euregiobahn bis AL-Mariadorf Poststraße.
    Wann bis Stolberg weitergebaut wird, ist immer noch weitgehend offen.

    Freundliche Grüße
    Thomas Printz

  3. hallo Herr Keller

    Ich las erst heute ihren bericht. Muss sagen…….das geht mir doch nah.
    Bin selber als 18 jähriger zwischen 1969 und 1970 als Heizer in Vorbereitung einer Lokführerausbildung diese Tour gefahren und kann ihr persönliches Empfinden ganz und gar nachempfinden.
    Mein Vater war Lokführer und ich weiss heute noch, wie ich als 5 jähriger zum ersten mal vor den roten Riesenrädern dieser schwarzen Riesen stand und ehrfürchtig zum Füherstand hochschaute, wo mein Vater mich später hochwuchtete um mir dies Ungetüm auch in Gänze zu zeigen.

    Gruß Albert Grundig

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